Interview · 16 Min Lesezeit · 19. Mai 2026

„Wir behandeln die Symptome,
nicht die Ursache."

Ein Gespräch über Hausstauballergie 2026: warum 7,4 Millionen Sensibilisierte in Deutschland unterversorgt sind, was Hyposensibilisierung wirklich kann und welche Rolle die Wohnungs-Hygiene spielt. Mit Dr. med. Sarah Lindemann, Fachärztin für Allergologie.

Eine Allergologin in der Sprechstunde — symbolische Darstellung
SL

Dr. med. Sarah Lindemann Komposit-Persona

Fachärztin für Allergologie & Innere Medizin · Berlin

12 Jahre Berufserfahrung, davon 8 in eigener Allergologie-Praxis. Hinweis: Dr. Lindemann ist eine fiktive Komposit-Persona, deren Aussagen typische Positionen aus der allergologischen Fachwelt repräsentieren, verifizierbar gegen die AeDA/Leitlinie zur Allergen-Immuntherapie und gängige Lehrbücher. Wir machen das transparent, weil es uns wichtig ist.

Wir treffen Dr. Lindemann in ihrer Berliner Praxis. Wartezimmer voll, Telefon klingelt im Hintergrund. Sie nimmt sich trotzdem eine Stunde, weil sie, wie sie sagt, „seit zehn Jahren versucht, ausgerechnet dieses Thema in die Breite zu tragen".

Frau Dr. Lindemann, wenn Sie eine Sache an der Behandlung der Hausstauballergie in Deutschland ändern könnten: welche wäre das?

Die Beratungstiefe in der Erstkonsultation. Sehen Sie, ein Patient kommt mit Schnupfen-Symptomen zum Hausarzt, kriegt nach 4 Minuten ein Antihistaminikum verschrieben, und das war's. Mit Glück eine Überweisung zu uns Allergologen. Aber wir sind in Deutschland Mangelware. Wartezeit 4-12 Wochen. In dieser Zeit behandelt sich der Patient selbst, mit dem, was er aus der Apotheke kennt.

Was fehlt, ist die strukturierte Erstaufklärung: „Sie haben wahrscheinlich Hausstauballergie. Das sind die drei Säulen: Allergen-Karenz, Symptomkontrolle, kausale Therapie. Ich erkläre Ihnen, was Sie zu Hause tun können, und wir sehen uns in vier Wochen wieder." Stattdessen: Rezept, Tschüss.

Sind die Patient:innen denn unterversorgt?

Massiv. Schauen Sie auf die Zahlen. DEGS1 zeigt 13,28 Millionen Erwachsene in Deutschland sind gegen Inhalations-Allergene sensibilisiert. Davon nur 5,84 Millionen haben eine ärztliche Diagnose. Das heißt: ~7,4 Millionen Menschen mit biologischer Reaktionsfähigkeit, die nie einen Allergologen sehen. Die behandeln sich selbst mit OTC-Antihistaminika.

Diese Gruppe entwickelt überproportional Asthma, weil keine konsequente Trigger-Reduktion stattfindet. Wir nennen das Etagenwechsel, und statistisch ist es eine der häufigsten chronischen Erkrankungs-Eskalationen, die in der Hausarzt-Apotheken-Schiene unentdeckt bleibt.

Was empfehlen Sie konkret Ihren Patient:innen für die Wohnung?

Drei Dinge, immer in dieser Reihenfolge: Encasing für Matratze, Decke, Kissen. Allergen-Reduktion auf den textilen Oberflächen, die das Encasing nicht abdeckt, also Bettzeug, Polster, Stofftiere, Vorhänge. Und Luftfeuchte-Kontrolle unter 50 %.

Bei der Allergen-Reduktion empfehle ich mittlerweile die probiotischen Sprays mit Bacillus-Stämmen. Die haben in den letzten Jahren überzeugende Reduktions-Daten geliefert. Die alten chemischen Akarizide nutze ich gar nicht mehr, weil sie das Problem nicht lösen: tote Milben enthalten das gleiche Der-p1 wie lebende, und das ist der allergene Wirkstoff.

Wichtig ist die Kombination. Einzeln bringt jede Maßnahme 20-30 % Reduktion. Zusammen kommt man auf 70-90 %.

Tote Milben enthalten das gleiche Der-p1 wie lebende.
Genau das übersieht die meiste OTC-Therapie. — Dr. med. Sarah Lindemann

Sie haben die Hyposensibilisierung angesprochen. Wer profitiert davon?

Hyposensibilisierung, fachlich allergenspezifische Immuntherapie oder ASIT, ist die einzige kausale Behandlung. Sie verändert die Immunantwort. Bei Hausstauballergie ist die Wirksamkeit besonders gut: 60-80 % der Patienten erfahren eine relevante Symptom-Reduktion, viele werden faktisch beschwerdefrei.

Wann sinnvoll: persistierende klinisch relevante Symptome trotz Allergen-Karenz und Pharmakotherapie. Gesicherte Diagnose über Pricktest und spezifisches IgE. Patient compliant, denn die Therapie dauert 3 Jahre, das ist der Pferdefuß. Wer es durchzieht, hat oft jahrelang oder lebenslang Ruhe.

Verfügbar als Spritze (SCIT, alle 4-6 Wochen) oder als Tablette (SLIT, täglich). Beide bei Krankenkasse abgedeckt. Bei Kindern ab 5 Jahren möglich, und gerade dort besonders wirksam, weil sie den Etagenwechsel zu Asthma verhindern kann.

Warum machen es dann nicht mehr Patient:innen?

Drei Hürden. Erstens: Sie müssen einen Allergologen sehen, was, wie gesagt, 4-12 Wochen Wartezeit bedeutet. Zweitens: Drei-Jahres-Compliance ist ein hoher Anspruch. Patienten brechen ab, wenn nach 6 Monaten noch keine spürbare Verbesserung da ist. Drittens: viele wissen gar nicht, dass es das gibt. Hausarzt erwähnt es selten, Apotheke kann es nicht.

Wenn ich eine Sache an der ASIT-Kommunikation ändern könnte: dass jede Person mit gesicherter Hausstauballergie weiß, dass es ASIT gibt. Allein das Wissen würde die Therapiequote verdoppeln.

Spielen Smartphone-Apps oder Online-Symptom-Checker eine Rolle in Ihrer Praxis?

Zunehmend, ja, und das sehe ich grundsätzlich positiv. Wenn ein Patient mit einem Symptom-Tagebuch oder einem strukturierten Online-Check zu mir kommt, spare ich 15 Minuten Anamnese. Wir kommen schneller zur Substanz: welche Allergene, welche Symptom-Muster, welche Trigger.

Gut gemachte Symptom-Checks, die auf evidenzbasierten Indikatoren beruhen und nicht auf Klick-Bait, können die strukturelle Lücke zwischen Selbstmedikation und Allergologe verkleinern. Wichtig ist die Transparenz: keine Diagnose, sondern strukturierte Anamnese-Hilfe. Wer das richtig kommuniziert, hilft.

Was sagen Sie zur Diskussion um probiotische Hausreiniger? Manche Allergolog:innen sind skeptisch.

Skepsis ist erstmal gesund. Die Marktkategorie ist noch jung, und nicht jedes Produkt auf dem Markt hält, was es verspricht. Wir brauchen unabhängige Daten, am liebsten HDMA-Tests von neutralen Laboren.

Wo ich überzeugt bin: das Wirkprinzip ist plausibel. Bacillus-Stämme produzieren Subtilisin-Proteasen, die Eiweiß-Substanzen (also auch Der-p1) enzymatisch zerlegen. Industriell ist das seit Jahrzehnten bei „Bio-aktiv"-Waschmitteln im Einsatz. Die Bacillus-Stämme sind in der Mikroorganismen-Klasse 1 nach BAuA, also höchste Sicherheits-Stufe, vergleichbar mit Joghurtkulturen.

Was ich an den Produkten schätze: sie sind kompatibel mit der Leitlinien-Strategie, weil sie keine neuen Risiken einführen. Anders als Akarizide, die toxisch für Aquarienfische und teilweise für Katzen sind.

Wenn ein Patient mit einem Symptom-Tagebuch zu mir kommt,
spare ich 15 Minuten Anamnese. — über strukturierte Selbst-Anamnese

Was, wenn ein Patient sagt: „Mir geht's nur morgens schlecht, danach ist alles okay", und nicht zum Arzt geht?

Genau das ist die Falle. Hausstauballergie ist chronisch, und chronische Beschwerden gewöhnt man sich an. Patienten erklären mir oft: „Es geht ja eigentlich, ist halt so." Nach 10, 15 Jahren ist das die Norm geworden. Sie wissen gar nicht mehr, wie es ohne Symptome wäre.

Wenn ich solchen Patienten nach gelungener Trigger-Reduktion und/oder ASIT folge, höre ich nach 6 Monaten oft: „Mir war nicht klar, wie viel mich das gekostet hat: die Müdigkeit, die Konzentration, der ganze Tag." Allergie raubt nicht nur die Atemwege. Sie raubt Lebensqualität, und das wird oft erst sichtbar, wenn sie weg ist.

Letzte Frage: Was würden Sie einem Allergiker raten, der heute zum ersten Mal nach einem Aktionsplan sucht?

Drei Schritte, in dieser Reihenfolge.

Erstens: Wenn Sie noch keine ärztliche Diagnose haben, vereinbaren Sie einen Hausarzt-Termin und bitten um Überweisung zum Allergologen. Pricktest dauert 30 Minuten. Diagnose ist die Basis für alles weitere.

Zweitens: Parallel jetzt Schlafzimmer optimieren: Encasing, Allergen-Reduktion, Bettwäsche-Hygiene bei 60 °C, Luftfeuchte unter 50 %. Das können Sie heute kaufen, am Wochenende installieren. Erste Verbesserung in 2-4 Wochen.

Drittens: Beim Allergologen-Termin nach ASIT fragen, ausdrücklich. Falls Sie zur indikationsberechtigten Gruppe gehören (gesicherte Hausstauballergie, klinisch relevante Symptome), ist das die Therapie mit dem höchsten Langzeit-Nutzen.

Drei Schritte. Sechs Monate. Und Sie werden sich anders fühlen, als Sie sich vermutlich seit Jahren gefühlt haben.

Die Stunde ist um. Im Wartezimmer warten drei Patient:innen. Wir bedanken uns. Dr. Lindemann lächelt: „Wenn der Text jemand erreicht, der seit Jahren mit ungeklärtem Schnupfen lebt, hat sich's gelohnt."

Take-aways aus dem Interview

Sieben Sätze,
die hängen bleiben sollten.

Drei Schritte.
Sechs Monate.

Symptom-Check machen, Allergen-Reduktion starten, Allergologen-Termin vereinbaren. Reset hilft beim zweiten Schritt.

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Über diesen Ratgeber. Geschrieben von der reset & more GmbH, Herstellerin des Allergen Spray p1 gegen Hausstaubmilben. Bevor wir ein Produkt in den Verkauf geben, prüfen wir seine Wirkung gegen das Milbenallergen Der-p1 im HDMA-Labortest und lassen die Hautverträglichkeit von Dermatest bewerten. Aus dieser täglichen Arbeit mit dem Thema Hausstaubmilben kennen wir die Fragen unserer Kundinnen und Kunden. Was wir dabei lernen, schreiben wir in diesen Ratgeber. Eine ärztliche Beratung ersetzt er nicht. Bei anhaltenden Beschwerden gehört die Abklärung in fachärztliche Hände.