Die zentrale Zahl: 48,6 %
DEGS1 hat eine repräsentative Stichprobe von 7.988 Erwachsenen (18-79 Jahre) auf 50 verschiedene Allergene per spezifischem IgE-Test untersucht. Das Ergebnis: 48,6 % der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland sind gegen mindestens ein häufiges Inhalations-Allergen sensibilisiert. In absoluten Zahlen heißt das (extrapoliert auf die deutsche Wohnbevölkerung 2024 von ca. 27,3 Mio Erwachsenen 18-79):
Sensibilisiert ≠ klinische Symptome, aber das ist der Punkt
Eine Sensibilisierung bedeutet: das Immunsystem hat spezifische IgE-Antikörper gebildet. Das ist die Voraussetzung für eine allergische Reaktion. Nicht jede Sensibilisierung führt sofort zu Symptomen, aber:
- Bei dauerhafter Allergen-Exposition kann eine asymptomatische Sensibilisierung über Jahre in eine klinische Allergie übergehen (Etagenwechsel: von Rhinitis zu Asthma).
- Bei einer einzelnen hohen Allergen-Exposition (z. B. neue Matratze, Umzug in Wohnung mit Allergen-Last) treten oft akute Symptome auf, und der Mensch landet in der Apotheke.
- Häufige Komorbidität: Pollen-Allergiker werden mit der Zeit zunehmend gegen perenniale Allergene (Hausstaubmilbe) sensibilisiert.
Hausstaubmilben: Platz 2 nach Gräserpollen
Die Sensibilisierungs-Raten der häufigsten Allergene laut DEGS1:
| Allergen | Sensibilisierungs-Rate | Bevölkerung absolut |
|---|---|---|
| Gräserpollen | 20,0 % | ~5,5 Mio |
| Hausstaubmilbe (Der-p1) | 17,2 % | ~4,7 Mio |
| Birkenpollen | 15,7 % | ~4,3 Mio |
| Katzenhaar (Fel d 1) | 10,2 % | ~2,8 Mio |
| Beifuß | 8,3 % | ~2,3 Mio |
| Hundehaar (Can f 1) | 5,9 % | ~1,6 Mio |
| Schimmelpilze | 5,1 % | ~1,4 Mio |
Hausstaubmilben sind damit das zweithäufigste Inhalations-Allergen und das häufigste ganzjährige Allergen (Pollen sind saisonal). Das bedeutet: die Belastung läuft 365 Tage im Jahr, mit Peaks in der Heizperiode (September-November) und nach Sommer-Pausen mit angereichertem Allergen-Pool in Matratzen.
Die Schere zwischen Sensibilisierten und Diagnostizierten
Laut Destatis Mikrozensus 2024 sind in Deutschland 5,84 Mio Menschen mit einer ärztlich diagnostizierten Allergie registriert. Verglichen mit den 13,28 Mio sensibilisierten Personen aus DEGS1 ergibt das eine Lücke von ~7,4 Mio. Das ist die Gruppe, die:
- Symptome bemerkt, aber nicht klinisch abgeklärt hat
- Sich in der Apotheke selbst medikamentös versorgt
- Mit symptomatischer OTC-Therapie über Jahre auskommt, ohne strukturelle Triggerreduktion
Hier liegt die größte ungedeckte Beratungsfläche: nicht der diagnostizierte Allergiker mit Allergologie-Anbindung, sondern der sensibilisierte Selbstversorger.
Was DEGS2/RKI-Updates seitdem ergänzt haben
DEGS1 ist die letzte vollständige Daten-Erhebung; einzelne RKI-Update-Berichte (2020, 2023) bestätigen die Trends:
- Allergie-Prävalenz steigt weiter, vor allem bei Kindern und Jugendlichen (KiGGS)
- Urbane Räume haben höhere Sensibilisierungs-Raten als ländliche (Hygiene-Hypothese, Umweltfaktoren)
- Polysensibilisierung nimmt zu: Menschen reagieren zunehmend auf mehrere Allergene gleichzeitig
- Hausstaubmilben-Sensibilisierung bei Asthmatikern: 60-80 % (klinisch hochrelevant)
Was das für die strukturierte Allergiker-Beratung bedeutet
Drei konkrete Folgerungen für die Apothekenpraxis:
- Aktive Frage statt passives Warten. Bei jedem Kunden, der ein Antihistaminikum kauft, kurz nachfragen: morgens schlechter? Heizperiode? Bettenmachen? Dann liegt die Hausstaubmilbe nahe.
- Trigger-Reduktion an Schritt 1. Encasing + Allergen-Reduktion (z. B. Allergen Spray p1) sollte vor jedem weiteren Antihistaminikum-Refill empfohlen werden. Sonst Lebenslang-Programm.
- Saisonale Trigger setzen. Vor der Heizperiode (August-September) Allergiker aktiv ansprechen: Schaufenster-Aktion, Beratungs-Woche. Vor der Pollensaison (Januar-Februar) Komorbidität reduzieren.
Warum die Zahlen aus 2008-2011 auch 2026 noch tragfähig sind
Ein berechtigter Einwand: DEGS1 wurde vor über anderthalb Jahrzehnten erhoben, ist die Datenbasis nicht veraltet? Für Sensibilisierungsraten gegenüber perennialen Allergenen wie Hausstaubmilben gilt das nur eingeschränkt. Die biologischen Mechanismen der Sensibilisierung ändern sich nicht innerhalb weniger Jahre, und die nachfolgenden RKI-Erhebungen (KiGGS-Welle 2, punktuelle Updates) zeigen in dieselbe Richtung: stabile bis leicht steigende Prävalenz, keine rückläufige Tendenz. Für die Größenordnung, nicht für die letzte Nachkommastelle, bleibt DEGS1 damit die relevante Referenz. Wo neuere Zahlen vorliegen, etwa der Destatis-Mikrozensus zu diagnostizierten Allergien, werden sie in diesem Artikel ergänzend herangezogen.
Regionale Unterschiede und was sie für die Beratung bedeuten
DEGS1 liefert auch Hinweise auf ein Stadt-Land-Gefälle bei der Sensibilisierungsrate, das sich mit der Hygiene-Hypothese und unterschiedlicher Wohnraum-Beschaffenheit erklären lässt. Städtische Wohnungen sind im Schnitt kleiner, dichter möbliert und schlechter belüftet als Häuser im ländlichen Raum, drei Faktoren, die die Luftfeuchtigkeit und damit die Vermehrungsbedingungen für Hausstaubmilben begünstigen. Für Apotheken und Beratungsstellen in urbanen Lagen bedeutet das eine tendenziell größere Zielgruppe für strukturierte Allergiker-Beratung als in ländlichen Regionen, wobei Einzelfälle davon natürlich abweichen können.
Ein zweiter Faktor ist die Bausubstanz. Ältere, schlecht gedämmte Gebäude neigen bei winterlicher Heizung zu größeren Temperaturschwankungen und Kondensationsflächen, moderne, gut gedämmte Neubauten mit dichten Fenstern halten dagegen oft eine gleichmäßigere, aber auch höhere Grundfeuchte, wenn nicht ausreichend gelüftet wird. Beide Bautypen können also, aus unterschiedlichen Gründen, günstige Bedingungen für Milben bieten. Eine pauschale Aussage „neu ist besser" oder „alt ist schlechter" lässt sich aus den Daten nicht ableiten.
Die Rolle von Geschlecht und Alter in den DEGS1-Daten
Die Sensibilisierungsrate unterscheidet sich in DEGS1 zwischen Altersgruppen deutlich. Am höchsten liegt sie bei jungen Erwachsenen (18-29 Jahre), mit zunehmendem Alter sinkt die Rate leicht, was teils auf eine im Alter nachlassende Immunreaktivität, teils auf einen sogenannten Kohorteneffekt zurückgeführt wird: jüngere Geburtsjahrgänge sind unter veränderten Umwelt- und Hygienebedingungen aufgewachsen als ältere. Zwischen den Geschlechtern zeigt DEGS1 keine großen Unterschiede in der reinen Sensibilisierungsrate gegenüber Hausstaubmilben, bei der klinischen Manifestation, also den tatsächlichen Beschwerden, gibt es aber Hinweise auf leichte Unterschiede, die in Folgestudien differenzierter untersucht wurden.
Von der Sensibilisierung zur Alltagsrelevanz
Eine Zahl wie 4,7 Millionen sensibilisierte Menschen bleibt abstrakt, wenn man sie nicht mit alltäglichen Situationen verknüpft. Praktisch heißt das: In einem Klassenraum mit 25 Kindern sind statistisch mehrere gegen Hausstaubmilben sensibilisiert, auch wenn nicht alle eine Diagnose haben. In einem Büro mit 20 Mitarbeitenden liegt die Zahl ähnlich. Nicht jede Person mit Sensibilisierung hat spürbare Beschwerden, aber ein relevanter Teil merkt morgendliche Nasenverstopfung, Niesreiz oder unruhigen Schlaf, ohne den Zusammenhang zur eigenen Matratze herzustellen. Genau diese stille Mehrheit ist die Zielgruppe für aufklärende Inhalte wie diesen Artikel: Menschen, die ein Muster bei sich erkennen, aber noch keine Erklärung dafür haben.
Quellen
- Haftenberger M et al. (2013). Prävalenz von Sensibilisierungen gegen Inhalations- und Nahrungsmittelallergene — Ergebnisse der DEGS1-Studie. Bundesgesundheitsblatt.
- Robert Koch-Institut — DEGS1-Studie. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (2008-2011).
- Robert Koch-Institut — KiGGS-Welle 2 (2017). Allergie-Prävalenz bei Kindern und Jugendlichen.
- Statistisches Bundesamt (Destatis). Allergiker in Deutschland — Mikrozensus 2024.
- Klimek L et al. (2022). S2k-Leitlinie Allergen-Immuntherapie bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen. AWMF 061-004.
- Wechsler ME (2009). Managing asthma in primary care: putting new guideline recommendations into context. Mayo Clin Proc.