Wissenschaft · 10 Min · 18.05.2026

DEGS1: die Allergie-
Realität in Deutschland.

Die DEGS1-Studie des Robert Koch-Instituts (Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland, 1. Welle, 2008-2011) ist bis heute die robusteste epidemiologische Datenbasis zu Allergie-Sensibilisierung im deutschsprachigen Raum. Was sie zeigt, ist auch 2026 noch relevant, vor allem für die Beratung am Apotheken-HV-Tisch.

Die zentrale Zahl: 48,6 %

DEGS1 hat eine repräsentative Stichprobe von 7.988 Erwachsenen (18-79 Jahre) auf 50 verschiedene Allergene per spezifischem IgE-Test untersucht. Das Ergebnis: 48,6 % der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland sind gegen mindestens ein häufiges Inhalations-Allergen sensibilisiert. In absoluten Zahlen heißt das (extrapoliert auf die deutsche Wohnbevölkerung 2024 von ca. 27,3 Mio Erwachsenen 18-79):

~13,28 Mio Deutsche sind biologisch in der Lage, allergisch zu reagieren. Ein erheblicher Teil davon weiß es noch nicht.

Sensibilisiert ≠ klinische Symptome, aber das ist der Punkt

Eine Sensibilisierung bedeutet: das Immunsystem hat spezifische IgE-Antikörper gebildet. Das ist die Voraussetzung für eine allergische Reaktion. Nicht jede Sensibilisierung führt sofort zu Symptomen, aber:

Hausstaubmilben: Platz 2 nach Gräserpollen

Die Sensibilisierungs-Raten der häufigsten Allergene laut DEGS1:

AllergenSensibilisierungs-RateBevölkerung absolut
Gräserpollen20,0 %~5,5 Mio
Hausstaubmilbe (Der-p1)17,2 %~4,7 Mio
Birkenpollen15,7 %~4,3 Mio
Katzenhaar (Fel d 1)10,2 %~2,8 Mio
Beifuß8,3 %~2,3 Mio
Hundehaar (Can f 1)5,9 %~1,6 Mio
Schimmelpilze5,1 %~1,4 Mio

Hausstaubmilben sind damit das zweithäufigste Inhalations-Allergen und das häufigste ganzjährige Allergen (Pollen sind saisonal). Das bedeutet: die Belastung läuft 365 Tage im Jahr, mit Peaks in der Heizperiode (September-November) und nach Sommer-Pausen mit angereichertem Allergen-Pool in Matratzen.

Die Schere zwischen Sensibilisierten und Diagnostizierten

Laut Destatis Mikrozensus 2024 sind in Deutschland 5,84 Mio Menschen mit einer ärztlich diagnostizierten Allergie registriert. Verglichen mit den 13,28 Mio sensibilisierten Personen aus DEGS1 ergibt das eine Lücke von ~7,4 Mio. Das ist die Gruppe, die:

Hier liegt die größte ungedeckte Beratungsfläche: nicht der diagnostizierte Allergiker mit Allergologie-Anbindung, sondern der sensibilisierte Selbstversorger.

Was DEGS2/RKI-Updates seitdem ergänzt haben

DEGS1 ist die letzte vollständige Daten-Erhebung; einzelne RKI-Update-Berichte (2020, 2023) bestätigen die Trends:

Apotheken-Relevanz: Wenn fast jeder Zweite biologisch reaktionsfähig ist und 4,7 Mio gegen Hausstaubmilben sensibilisiert sind, ist die Beratung zur Trigger-Reduktion im Bett kein Nischen-Thema. Sie ist Mainstream-OTC.

Was das für die strukturierte Allergiker-Beratung bedeutet

Drei konkrete Folgerungen für die Apothekenpraxis:

  1. Aktive Frage statt passives Warten. Bei jedem Kunden, der ein Antihistaminikum kauft, kurz nachfragen: morgens schlechter? Heizperiode? Bettenmachen? Dann liegt die Hausstaubmilbe nahe.
  2. Trigger-Reduktion an Schritt 1. Encasing + Allergen-Reduktion (z. B. Allergen Spray p1) sollte vor jedem weiteren Antihistaminikum-Refill empfohlen werden. Sonst Lebenslang-Programm.
  3. Saisonale Trigger setzen. Vor der Heizperiode (August-September) Allergiker aktiv ansprechen: Schaufenster-Aktion, Beratungs-Woche. Vor der Pollensaison (Januar-Februar) Komorbidität reduzieren.

Warum die Zahlen aus 2008-2011 auch 2026 noch tragfähig sind

Ein berechtigter Einwand: DEGS1 wurde vor über anderthalb Jahrzehnten erhoben, ist die Datenbasis nicht veraltet? Für Sensibilisierungsraten gegenüber perennialen Allergenen wie Hausstaubmilben gilt das nur eingeschränkt. Die biologischen Mechanismen der Sensibilisierung ändern sich nicht innerhalb weniger Jahre, und die nachfolgenden RKI-Erhebungen (KiGGS-Welle 2, punktuelle Updates) zeigen in dieselbe Richtung: stabile bis leicht steigende Prävalenz, keine rückläufige Tendenz. Für die Größenordnung, nicht für die letzte Nachkommastelle, bleibt DEGS1 damit die relevante Referenz. Wo neuere Zahlen vorliegen, etwa der Destatis-Mikrozensus zu diagnostizierten Allergien, werden sie in diesem Artikel ergänzend herangezogen.

Regionale Unterschiede und was sie für die Beratung bedeuten

DEGS1 liefert auch Hinweise auf ein Stadt-Land-Gefälle bei der Sensibilisierungsrate, das sich mit der Hygiene-Hypothese und unterschiedlicher Wohnraum-Beschaffenheit erklären lässt. Städtische Wohnungen sind im Schnitt kleiner, dichter möbliert und schlechter belüftet als Häuser im ländlichen Raum, drei Faktoren, die die Luftfeuchtigkeit und damit die Vermehrungsbedingungen für Hausstaubmilben begünstigen. Für Apotheken und Beratungsstellen in urbanen Lagen bedeutet das eine tendenziell größere Zielgruppe für strukturierte Allergiker-Beratung als in ländlichen Regionen, wobei Einzelfälle davon natürlich abweichen können.

Ein zweiter Faktor ist die Bausubstanz. Ältere, schlecht gedämmte Gebäude neigen bei winterlicher Heizung zu größeren Temperaturschwankungen und Kondensationsflächen, moderne, gut gedämmte Neubauten mit dichten Fenstern halten dagegen oft eine gleichmäßigere, aber auch höhere Grundfeuchte, wenn nicht ausreichend gelüftet wird. Beide Bautypen können also, aus unterschiedlichen Gründen, günstige Bedingungen für Milben bieten. Eine pauschale Aussage „neu ist besser" oder „alt ist schlechter" lässt sich aus den Daten nicht ableiten.

Die Rolle von Geschlecht und Alter in den DEGS1-Daten

Die Sensibilisierungsrate unterscheidet sich in DEGS1 zwischen Altersgruppen deutlich. Am höchsten liegt sie bei jungen Erwachsenen (18-29 Jahre), mit zunehmendem Alter sinkt die Rate leicht, was teils auf eine im Alter nachlassende Immunreaktivität, teils auf einen sogenannten Kohorteneffekt zurückgeführt wird: jüngere Geburtsjahrgänge sind unter veränderten Umwelt- und Hygienebedingungen aufgewachsen als ältere. Zwischen den Geschlechtern zeigt DEGS1 keine großen Unterschiede in der reinen Sensibilisierungsrate gegenüber Hausstaubmilben, bei der klinischen Manifestation, also den tatsächlichen Beschwerden, gibt es aber Hinweise auf leichte Unterschiede, die in Folgestudien differenzierter untersucht wurden.

Von der Sensibilisierung zur Alltagsrelevanz

Eine Zahl wie 4,7 Millionen sensibilisierte Menschen bleibt abstrakt, wenn man sie nicht mit alltäglichen Situationen verknüpft. Praktisch heißt das: In einem Klassenraum mit 25 Kindern sind statistisch mehrere gegen Hausstaubmilben sensibilisiert, auch wenn nicht alle eine Diagnose haben. In einem Büro mit 20 Mitarbeitenden liegt die Zahl ähnlich. Nicht jede Person mit Sensibilisierung hat spürbare Beschwerden, aber ein relevanter Teil merkt morgendliche Nasenverstopfung, Niesreiz oder unruhigen Schlaf, ohne den Zusammenhang zur eigenen Matratze herzustellen. Genau diese stille Mehrheit ist die Zielgruppe für aufklärende Inhalte wie diesen Artikel: Menschen, die ein Muster bei sich erkennen, aber noch keine Erklärung dafür haben.

Quellen

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Über diesen Ratgeber. Geschrieben von der reset & more GmbH, Herstellerin des Allergen Spray p1 gegen Hausstaubmilben. Bevor wir ein Produkt in den Verkauf geben, prüfen wir seine Wirkung gegen das Milbenallergen Der-p1 im HDMA-Labortest und lassen die Hautverträglichkeit von Dermatest bewerten. Aus dieser täglichen Arbeit mit dem Thema Hausstaubmilben kennen wir die Fragen unserer Kundinnen und Kunden. Was wir dabei lernen, schreiben wir in diesen Ratgeber. Eine ärztliche Beratung ersetzt er nicht. Bei anhaltenden Beschwerden gehört die Abklärung in fachärztliche Hände.